Ein Cassinensischer Kulturschock


Aus Einsiedeln machten wir uns nun auf den langen Weg gen Süden. Nachdem wir noch einen Reisesegen von "Pater Tschüssler" erhalten hatten, durften wir zuerst die sehr teuren aber komfortablen Dienste der Schweizer Bundesbahn und danach die billigen aber sehr unkomfortablen Dienste diverser Flixbusse in Anspruch nehmen (für alle zukünftigen Klosterzeitler gibt es von mir hier wohl keine Empfehlung, fahrt lieber mit der Bahn). Nachdem wir in Caserta kurz um unsere Organe fürchten mussten, und am Fuße des Monte Cassino abgeholt wurden, konnten wir prompt schlaftrunken unseren ersten Gottesdienst und unser erstes Treffen mit Pater Jordi, dem Prior, genießen. Pater Jordi führte uns durch die weitläufigen Hallen des Klosters und zeigte uns unsere Zimmer, wonach es für uns direkt zum Mittagessen und zur Non, dem Gebet der neunten Stunde, ging. 

Bei der Non wurde uns direkt klar, dass Montecassino eine andere Erfahrung als Einsiedeln werden würde, so waren wir hiernach für den Rest des Tages einfach verwirrt - ein sechsminütiges Gebet mit vier Mönchen war nichts, das wir uns für mehrere Monate als Norm (oder als Non) vorstellen konnten. Über den Tag hinweg fiel uns auf, dass die "größeren" Gebete wie die Vesper über eine auch in Einsiedeln typische Dauer verfügten, dennoch blieb der Schock über den ersten Tag hinweg bestehen - im Vergleich zu der lebhaften Kultur Einsiedelns war Montecassino leer, fast wie ein lost place. Unsere Zimmer schlossen sich an eine über 200 Meter lange, lichte Halle an, mit einer Deckenhöhe die sicherlich 12 Meter übertraf und auf dem hohen Berg sogar von Vögeln zum Durchflug genutzt wurde - und dennoch war sie, was Menschen betraf, völlig leer. Während ich mich in Einsiedeln an meinen ersten Tagen mit dem Chorgebet und mit dem Alltag des monastischen Lebens konfrontiert sah, vor dem ich mich zuerst sträubte und resignierte, war hier eine andere Struktur zu meiner erfahrenen Gefährdung geworden - die Einsamkeit. Nachdem wir nach der Non allein gelassen wurden, befanden wir uns fünf Stunden lang in diesem für uns leeren Konstrukt Montecassino, ohne Ansprechperson, Aktivität oder Idee, was sich an diesem Ort, an dem wir vor kurzer Zeit ankamen, überhaupt für fünf Stunden, geschweige denn mehrere Monate, machen ließe. Obwohl ich jetzt im Nachhinein denke, dass unsere Ankunft schlichtweg aufgrund dessen, dass wir an einem Sonntag ankamen, einen solchen Eindruck vermittelte, war der erste Tag dennoch auf eine gewisse Weise Teil einer vielmehr holistischen Erfahrung benediktinischen Lebens. Schließlich kam Benedikt an diesen Ort vorallem deswegen, um allein zu sein, um als Einsiedler zu leben. Obwohl wir zu diesem Zeitpunkt seit 25 Stunden eben keine Einsiedler mehr waren, konnten wir diesen Geist dennoch nachvollziehen, trotz der gewaltigen Institution, in Geist und Stein, die dieser Ort letztlich darstellt.

Obwohl wir am nächsten Tag, dem Montag, unserem ersten richten "All-Tag" somit, mit mehreren Personen Kontakt schließen konnten, die unserem Aufenthalt noch einen positiven Ton verpassen würden, schwand dieses Gefühl nie ganz. Der Ort, für hunderte Einwohner gebaut, strahlt auch heute noch eine teils unheimlich-einsame Aura aus, die in ihrer Verlassenheit eine interessante Perspektive und einen teils befremdlichen Kommentar auf den benediktinischen Monastizismus bietet. Wie Einsamkeit und Verlassenheit den Raum, die Klostergemeinschaft und das geistige Leben beeinflussen, sind Fragen, die sich hier praktisch nachvollziehen lassen, ohne unbedingt eine rationale Antwort auf sie zu veranlassen.

Was unseren Tagesalltag anbelangt, so sind wir hier an meistens an sechs der sieben durch Benedikt postulierten Gebetszeiten anwesend, mehr als in Einsiedeln. Tägliche Umstellungen fielen uns zu Beginn auch dank unserer Einführungswoche sehr leicht, womit wir uns schnell zwischen den Gebetszeiten, 3-5 Stunden Arbeit am Tag und einem durch Lina, der Sekretärin Pater Jordis, organisiertem Italienischunterricht, der somit besonderer Dank gebührt, zurechtfinden. Privat war die Sprache für mich die größte Hürde, mittlerweile können wir gut auf Italienisch kommunizieren, zu Beginn war das aber eher difficile. Ein besonderes Highlight präsentierten für uns nunmehr mehrere Ausflüge nach Rom, die als gutes Gegengewicht zu der abgeschiedenen Struktur Montecassinos fungierten. Den Ort als gelebten Ort kennenzulernen und Einblick in ein Konstrukt zu erlangen, das normalerweise Besuchern vorbehalten ist, räumlich und kulturell, hat sich bis her als immense Bereicherung herausgestellt.

Weitere Berichte, die auch Konkretes abstreichen, werden folgen. 

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